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Meine GeschichteMein Name ist Simone und meine Geschichte ist eine von viel zu vielen. Ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern, wie ich süchtig nach Essen, nein Fressen, und anschließendem – vom schlechten Gewissen und von Scham und Schuld getriebenem – Erbrechen geworden bin. Aber wie bei Millionen anderen auch, war mit Sicherheit eine unsinnige Diät meine „Einstiegsdroge“. Ich war ungefähr 15, ziemlich unsicher, empfindlich und irgendwie wütend: Man nennt diesen Zustand wohl Pubertät. Gerade hatte ich die „Macht“ meines Körpers über die Männerwelt entdeckt. Dieser Körper hatte weibliche Rundungen entwickelt und die wurden wahrgenommen. Diese Art der Wahrnehmung gefiel mir besser als die, die ich bisher kannte: Die des kränkelnden nicht zu belastenden Sorgenkindes. Mein Körper – und damit mein Gewicht wurden zu diesem Zeitpunkt die Nummer eins in meinem Leben. Ich begann, ständig auf der Wage rumzuturnen, sämtliche Kalorientabellen auswendig zu lernen, diverse Mahlzeiten auszulassen und literweise Cola-light zu trinken. Folglich verlor ich Gewicht und ich wollte noch mehr davon verlieren. Die Models in der BRAVO und im Otto-Katalog wurden meine großen Vorbilder. Ihre Körper waren in meinen Augen perfekt. Und Perfektion strebte ich an. Denn ich ging davon aus, dass das perfekte Leben mit dem perfekten Body einhergeht. Ich lernte die Euphorie und das Machtgefühl kennen, Herr über den eigenen Körper zu sein. Ich war dabei, magersüchtig zu werden…. Zwar hatte ich die Macht über meinen Körper, aber die Männer hatten die Macht über mich. Somit ist es im Nachhinein nur logisch, dass das unglückliche Ende einer Beziehung zum Anfang meiner Ess-Brech-Sucht führte. Ich fühlte mich gedemütigt, verraten, unendlich traurig und abgrundtief wertlos. Natürlich gab ich mir allein die Schuld am Scheitern dieser Beziehung. Offensichtlich hatte ich mich nicht genügend angestrengt; ich war nicht gut genug, nicht dünn genug, nicht perfekt…. Ich war unglückliche 17 Jahre alt, der Freund war weg, die Ausbildung gähnend langweilig und ich bemerkte panisch, dass ich auch die letzte Bastion nicht mehr halten konnte: Mehr und mehr verlor ich die Kontrolle über mein Essen. Anfangs passierte das bei den regulären Mahlzeiten; ich konnte mich einfach nicht mehr bremsen und aß, bis mir schlecht war. Geplagt vom schlechten Gewissen entdeckte ich irgendwann die „Lösung“: kotzen. Ich kann mich zwar nicht mehr an mein „erstes Mal“ erinnern, aber ich kann mich noch an die dunkle Vorahnung entsinnen, die ich damals hatte. Obwohl mir das Erbrechen einerseits als die Lösung erschien, wusste Etwas in mir, dass das, was mit mir passierte nicht gut war. Gott sei Dank ahnte ich damals nicht, wie schlimm es werden würde und wie lange diese Odyssee dauern würde. Da ich noch bei meinen Eltern wohnte, machte mich meine „neue Entdeckung“ zum Meister der Lüge und des Vertuschens. Denn schon nach kurzer Zeit kamen die ersten geplanten Fressattacken, für die gezielt eingekauft werden musste und die bis zum bitteren Ende unbemerkt durchgeführt werden mussten. Außerdem befand ich mich - auf Grund der sich häufenden Attacken - ständig in Geldnot. So geriet ich immer tiefer in den Teufelskreis von essen und brechen, Scham und Schuld, Wut und Verzweiflung und wieder zu essen und brechen um wenigsten für einen kurzen Moment vergessen zu können,… Trotz aller Vorsicht wurde ich schließlich von meiner Mutter beim Brechen auf der Gästetoilette ertappt. Auf Schock und Vorwürfe folgte erstmal Ratlosigkeit auf beiden Seiten. Trotzdem war ich irgendwie erleichtert, mein „Geheimnis“ mit jemandem zu teilen. Mein langer Genesungsweg begann zunächst bei einem Hypnosetherapeuten, der Erfolg war eher gering. Vielleicht lag es auch daran, dass ich hauptsächlich von dem Gedanken geplagt wurde, dass meine Eltern nun auch noch eine Therapie bezahlen mussten und ich somit wieder in meine verhasste „Sorgenkindrolle“ zurückgefallen war. Nach Abbruch dieser Therapie folgten Phasen, in denen es mir mal besser „dünn“ und mal schlechter „dick“ ging, häufig in Kombination mit diversen Beziehungshochs und –tiefs. Ich nahm 1 kg ab und ich fand mich wunderbar, ich nahm 500g zu und ich hasste mich. Ich hungerte, ich fraß, ich erbrach, das Essen war mein Stimmungsbarometer. In sämtlichen Beziehungen war ich ständig darum bemüht, meinem Gegenüber zu gefallen, jeder sollte mich toll finden, mich bewundern oder begehren. Ich brauchte diese Art von Beachtung, denn sie gab mir meine Daseinsberechtigung. 1993 entschloss ich mich, als Au Pair in die Vereinigten Staaten zu gehen. Ich war schon immer recht reise- und abenteuerlustig gewesen und hatte natürlich insgeheim die Hoffnung, all meine Probleme in Deutschland zurück zu lassen. Ich wollte weg von Allem und Allen, ich wollte frei sein. Aber es war wie immer. Nach der ersten anstrengenden Eingewöhnungsphase kehrte auch meine Essstörung mit voller Wucht zu mir zurück. Nach einem halben Jahr kehrte ich desillusioniert und um einige Kilo schwerer zurück in die Heimat. Ich wusste nun, dass mir das überbehütete Zuhause genau so wenig half, wie die Flucht auf einen anderen Kontinent. Mich selbst nahm ich immer mit. Und mir wurde klar, dass ich mich gegen die Ungerechtigkeiten in meiner amerikanischen Gastfamilie genauso wenig behaupten konnte, wie gegen meine „Über“-Mutter. Also versuchte ich 1994 einen dritten Weg. Ich begann ein Studium - ca. 120 km von meinem Heimatort entfernt - und ich kontaktierte in dieser Stadt die in den USA gegründete und auf dem Programm der Anonymen Alkoholiker basierende Selbsthilfegruppe „Overeaters Anonymous (OA)“ (Anonyme Esssüchtige). Durch mein Amerika-Experiment, das ich trotz allem nicht missen möchte, war mir klar geworden, dass ich offensichtlich nicht nur ein Problem mit dem Essen hatte. Vor dem ersten Gruppentreffen stand mein armes Herz sicher kurz vor dem Infarkt. Ich war schrecklich aufgeregt. Schließlich war dies mein erster bewusster Schritt in die Öffentlichkeit. Das Glück war mir damals wohlgesonnen, denn dieses erste Treffen war kein klassisches Meeting. Die Teilnehmer hatten einen Mann eingeladen, der mit Hilfe des 12-Schritte-Programms von OA seine Essstörung hinter sich lassen konnte. Ich saß nun also zwischen wildfremden Menschen und lauschte der Lebens- und Leidensgeschichte dieses Mannes. Und obwohl wir, rein äußerlich betrachtet, überhaupt keine Gemeinsamkeiten hatten (er war ein homosexueller amerikanischer Künstler), erzähle dieser Mann auch meine Geschichte. Aber seine hatte bereits ein Happy End. Er strahlte eine solche Wärme, Stärke und Lebensfreude aus; er war hoffnungsvoll und zufrieden, trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Geschichte. Und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich genau das auch wollte. Dieser fremde Mann gab mir das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. Ich habe zwar mittlerweile seinen Namen vergessen, aber seine Ausstrahlung ist noch immer gegenwärtig. In den nächsten Jahren besuchte ich relativ regelmäßig die Treffen von OA. Ich lernte, mich Anderen mitzuteilen, über meine Gedanken zu reden. Ich entdeckte meine Gefühle und setzte mich mit ihnen auseinander, forschte nach ihrem Ursprung. Das führte weiterhin dazu, dass ich sämtliche Beziehungen betrachtete und in Frage stellte. Einige meiner sog. Freundschaften sind in diesen Jahren auf der Strecke geblieben. Natürlich hatte ich auch diverse Auseinandersetzungen mit meiner Familie. Diese Prozesse waren oft sehr schmerzhaft und doch wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Dem langen Weg zu mir selbst. Ich wurde offener, zeigte mich verletzlich und lernte, dass Menschen mich achten und schätzen können obwohl sie wissen, dass ich weder innerlich noch äußerlich perfekt bin. Das war wohl die wichtigste Lektion dieser Jahre. 1997, mein Essverhalten hatte sich trotz allem noch nicht wesentlich verbessert, entschied ich mich bewusst für einen stationären Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Dieser Aufenthalt war das größte Geschenk, das ich mir selbst jemals machte. Über dem Eingang der Hochgratklinik hängt folgendes Schild: „Porta Patet magis cor“ (Die Tür steht offen, mehr noch das Herz.) Dieser Satz sagt eigentlich alles. Obwohl ich während dieser 12 Wochen weitere teilweise qualvolle Prozesse der Selbsterkenntnis durchlebte, war es auch eine Zeit voller Lachen und Liebe. Und obwohl ich mich seelisch bis auf die Haut auszog, erlebte ich Annahme und Verständnis, sowohl von den Ärzten und Therapeuten als auch von meinen „Leidensgenossen“. Ich habe viele von ihnen wegen ihres Mutes, ihrer Offenheit, ihrer Klarsichtigkeit und auch wegen ihrer Verletzlichkeit schätzen gelernt. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich eine von ihnen war und dass auch ich folglich mutig, offen und klarsichtig und natürlich auch verletzlich war und auch sein durfte. In diesem Moment begann ich, meine Krankheit aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Bisher schämte ich mich für meine „Schwäche“ eine Essstörung zu haben, nun war ich stolz darauf, etwas dagegen zu unternehmen. Nach meinem Klinikaufenthalt suchte ich mir eine Therapeutin die auch Körperarbeit in ihrem Programm hatte. Denn in der Klinik hatte ich gelernt, dass ich so stark „kopfgesteuert“ war, das Reden alleine oftmals keinen wirklichen Erfolg brachte. Neben der Therapie führte ich während der nächsten Jahre unzählige Gespräche mit anderen Betroffenen, mit meiner Familie und mit Freunden. Ich besuchte weiterhin die OA-Meetings und las unendlich viele Bücher. Ich befasste mich mit den Themen Beziehungen, Kreativität, Gefühle, Spiritualität, Ernährung, Berufsfindung, etc. und ich probierte meine gewonnenen Erkenntnisse mehr oder weniger erfolgreich aus. Immer wieder machte ich die Erfahrung, dass ich gewisse Dinge zwar begriffen hatte, sie aber trotzdem schlecht umsetzen konnte. In diesen Jahren wurde meine Geduld auf eine harte Probe gestellt… Obwohl ich mittlerweile eine Expertin war, hatte ich die Hoffnung auf endgültige Genesung schon fast aufgegeben, als das Unglaubliche zur Realität wurde: Ich konnte plötzlich wieder normal essen, der Zwang, das schlechte Gewissen, die Schuld, das Kalorienzählen, das grausame Erbrechen, es verschwand wie von selbst. Ich aß ohne ständig an Essen denken zu müssen. Es war nicht so, dass ich plötzlich die Kontrolle über meine Krankheit hatte, nein, meine Krankheit war weg! Und ich bin sehr dankbar dafür, dass sie auch heute, nach fast neun Jahren noch immer weg ist. Ich bin gesund und Du kannst es auch wieder werden. Es braucht zwar eine Menge Mut, Durchhaltevermögen und Geduld, aber es lohnt sich! Lange habe ich überlegt, wie ich anderen Betroffenen helfen kann, die in dem schrecklichen Sumpf „Essstörung“ gefangen sind. Im November 2004 kam mir die Idee zu dieser Homepage und seit dem arbeite ich daran. Es gibt –Gott sei Dank – schon viele Websites zu diesem Thema und daher versuche ich, das bereits Vorhandene sinnvoll zu ergänzen. Mein Ziel ist, Dir Hoffnung zu vermitteln, Dir zu zeigen, dass man diese Krankheit durchaus hinter sich lassen kann. Aber es funktioniert nicht, wenn Du Dich nicht aktiv um Besserung und Genesung bemühst und zwar immer und immer wieder. Ich möchte Dich ermutigen, Dich selbst kennen zu lernen, die für Dich wichtigen Themen zu finden, zu erkennen, dass Du der wichtigste Mensch in Deinem Leben bist. Je näher Du Deinem eigentlichen Selbst kommst, umso weiter wird die Krankheit sich von Dir entfernen. Und erst, wenn Du bei Dir angekommen bist, wirst Du auch in der Lage sein, Beziehungen jeglicher Art zu genießen… Heute ist ein guter Tag für Dich, um damit anzufangen, denn jeder Tag zählt! Mehr über meinen Weg heraus aus der Essstörung und konkrete Tipps gibt's im Online-Workshop! Brandaktuelles über mich und mein neustes Projekt gibt es hier:
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